Ein Goldfisch an der Leine

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Mensch, wie die Zeit vergeht. So wenig habe ich noch nie hier geschrieben. Ich muss das wieder ändern. Aber ich habe mir immer vorgenommen, noch zu schreiben und dann bin ich einfach eingeschlafen 😀

Ich weiß, das Wetter ist gerade wirklich zum davonlaufen und auch sonst greift die Winterdepression in der Chemoambulanz um sich. Deprimiert bin ich ganz sicher nicht. Jetzt ist schließlich Advent und sogar im Krankenhaus ist alles voller bunter Lichter, Sternchen, Zweigen und super tollem Glitzerschischi und das gefällt der modernen jungen Krebsfrau von Heute. Heute ist mir danach, zu erzählen.Krebsgeschichten im Chemoadvent 😀 Lasst uns ein anderes mal wieder gemeinsam lachen. Ich plaudere heute lieber mal etwas aus dem rosaroten Brustkrebsnähkästchen 🙂

Der Tod war mir nie so nah wie jetzt -aber genau so nah ist mir jetzt mein Lebenswille.

Das ist keine Grippe, die einfach wieder weg geht. Am Tag nach der Diagnose saß ich in der Unibibliothek. Es war ja noch Prüfungszeit und 2 Tage später hatte ich die letzte Prüfung die ich unbedingt noch schreiben wollte. Da war alles noch so neu. Ich hatte bis dahin nicht an den Tod gedacht. Am Tag davor, als es hieß ich hätte Krebs, da war der Tod irgendwie so weit weg wie immer für mich. Ich fühlte mich schließlich körperlich Pudelwohl. Und dann kam es: Die Tür ging auf und ein Mann kam rein. Er trug einen schwarzen Anzug, eine rote Krawatte, hatte keine Haare und einen komischen Spitzbart. Er sah irgendwie so komisch aus und passte einfach nicht in diese Bib voller Hipster und Maschinenbaustudenten im Karohemd. „Wie sieht der Tod wohl aus?“ Das war mein Gedanke, als ich ihn sah. Und da wurde mir ganz komisch. „Scheiße Maxi. An dem Mist kannst du sterben. Wenn du nichts machst, dann WIRST du an dem Mist sterben. Du hast was in dir drin, was dich tötet.“ Auf einmal spürte ich die Alienlarve in mir, die wie im Film wachsen und wachsen würde bis sie irgendwann aus mir rausbricht und mich umbringt. Ein Schmarotzer, der mich als Wirt missbraucht. Da wollte ich den Krebs einfach nur noch packen und mit aller Gewalt mit meinen eigenen Händen aus meinem Körper reisen. Nur noch weg damit, egal wie viel Schaden das anrichtet. Der Gedanke kam irgendwann immer öfter. Ich spürte den Knoten auf einmal beim Gehen im BH (klar war das nur Einbildung). Diese Stelle gehörte nicht mehr zu mir. Sie war mir verhasst. Durch die ganzen Untersuchungen und OP’s hatte ich durch das Ablösen vom Kalk im Drüsengewebe echt Schmerzen in der Brust. Und mit dem Ding sollte ich noch 6 Monate rumlaufen, bis die Chemo vorbei ist? Am Donnerstag eine Woche später, nachdem mein Fall in der Tumorkonferenz besprochen wurde, rief das Krankenhaus bei mir an: die Brust kommt weg und zwar JETZT. Eigentlich dachte ich, da würden nur die Lymphknoten rausgemacht. Der neue Plan: komplette Mastektomie rechts inklusive der Hälfte des Brustmuskels, Wächterlymphknoten raus und eventuell die unter der Achsel (falls die Wächter befallen sind) und 2 kleine Stellen an der linken Brust, die auffällig im MRT waren. Die Ärzte hatten sich umentschieden, weil man durch das Kalk die Karzinome ja gar nicht gesehen hat und man drum auch nicht hätte sehen können, ob sich das ganze durch die Chemo verkleinert. Erst war ich etwas geschockt, weil ich dachte, ich sei psychisch nicht auf die große OP vorbereitet. Aber eigentlich war ich es. Eigentlich war es genau das, was ich wollte. Also: ab ins Krankenhaus. Ich musste schon vor der OP anrücken: das Kontrastmittel für die Lymphknoten muss 24 Stunden vorher einwirken. Ich war so scheiße Nervös, dass die Schwester dachte, das Blutdruckgerät sei kaputt. Als Gerät Numero 2 aber auch auf „Kurz vor Herzinfarkt“ bestand, hat sie es gut sein lassen. Inzwischen war ich ja schon oft im Krankenhaus und ja, ich gönne mir dort gerne ein kleines Helferchen zum einschlafen. Solange das nicht zur Gewohnheit wird finde ich, ist der Luxus durchaus mal drin. Was ich damals zum Schlafen bekommen hab, weiß ich bis heute nicht. Ich Tippe mal auf Elefantenbetäubungsmittel. Normalerweise sind die Schlummerpillen immer weiß, damals war sie rot. Am Morgen vor der OP musste ich zur Markierung dieser zwei Stellen in der linken Brust…. ich bin keine Jammertante aber das würde ich als schlimm bezeichnen. Ich habe inzwischen ja so ziemlich alle Geräte der modernen Medizin durch, wo eine Untersuchung richtig viel Geld kostet. Dazu gehört auch das MRT. Das MRT finde ich am schlimmsten. Ich hasse diese Geräusche…. Das verfolgt mich oft im Traum. Ich habe einen Alptraum, den hatte ich jetzt schon zwei oder drei mal. Und im Hintergrund tönt immer dieses unnatürliche Summen. Das Geräusch ist wirklich kaum auszuhalten für mich. Ich glaube das liegt daran, dass das meine erste Staginguntersuchung war. Und das Staging ist ja sowieso das dümmste, was es so gibt am Krebshaben. „Wir suchen jetzt mal nach noch mehr Krebs.“ Diese Markierung muss man auch im MRT machen. Da liegt man dann halb schräg auf dem Bauch und wird so auf die liege geschnallt. 5 Minuten ist das ok, aber 30 Minuten können unglaublich quälend sein. Ich habe da einen Satz gesagt, den sonst noch kein Arzt von mir gehört hat in den letzten 6 Monaten, egal, was gemacht wurde: „Ich kann jetzt gleich nicht mehr.“ Dann direkt mit den Angelhaken in mir drin (Es waren Drähte mit Widerhaken, die ca. 30 cm lang waren. Ein paar Zentimeter im Gewebe, der Rest baumelte an mir rum. So „geangelt“ sah ich glaub selten aus) ab zur Mammographie, Einnerungsfotos schießen. Die hab ich tatsächlich ausgedruckt mit nach Hause bekommen. Als ich dann wieder oben auf der Station war ging es ganz schnell. „Ziehen Sie sich schnell um, Sie sind die nächste im OP.“ Also rein ins schicke Outfit mit Stay ups und Netzhöschen und dann lag ich da, hab das nette Beruhigungspillchen genommen und dann wurde ich schon abgeholt. Ab da erinnere ich mich nicht mehr an so viel. Der Träger meines Brustzentrums ist die katholische Kirche. Eine Ordensschwester hat mich von der Schleuse in den OP geschoben, hat mich gefragt, welcher Konfession ich angehöre und dann mit mir gebetet. In dem Moment war es aus mit der nach außen gespielten Coolness. Ich musste einfach die Hand dieser Frau nehmen und ich habe mich mit aller Kraft an sie geklammert. Und sie hat ganz fest zurückgedrückt. Es war so schön, in diesem Moment nicht alleine zu sein. Ich hatte solche Angst. Angst vor dieser großen OP, Angst vor dem Ergebnis, Angst, es könnte etwas schief gehen, Angst vor dem Krebs, Angst vor meinem eigenen Körper, Angst davor, die Lymphknoten könnten befallen sein… Und dann ging es los. Meine Welt wurde schwarz und ich war in den Händen der Ärzte.

6 Stunden später. „Frau G., Sie sind im OP. Wir haben Sie gerade aufgeweckt.“

Ich habe geheult wie ein Wasserfall. Ich war noch gar nie in meinem Leben so erleichtert. Die OP-Schwestern kamen noch mal in den Aufwachraum weil ich so weinen musste. Aber ich habe nicht geweint, weil ich traurig war. Ich habe geweint, weil diese unendliche Last endlich weg von mir war. Weg. DER KREBS WAR WEG. Dieser Alienparasit war endlich aus mir raus. Mein Körper gehörte wieder mir. Die Schwestern konnten natürlich nur kurz vorbei schauen und ich lag alleine im Aufwachraum und weinte und weinte und plötzlich wollte ich nicht mehr alleine sein. „Können Sie bitte den Seelsorger rufen?“ „Ne. Der Laden ist voll. Das geht jetzt nicht.“ Gerne würde ich dem freundlichen Pfleger die Meinung geigen…. Seine Kollegin hat dann einfach den Pfarrer gerufen, er hat einen Stuhl genommen und sich neben mich gesetzt. Hat keinen gestört. Früher hab ich viel Musik gemacht und er hatte auch Musik studiert. Das war ein dankbares Thema. Wir haben uns einfach Unterhalten, gar nicht über den Krebs. Ich glaube, Seelsorge hat nichts damit zu tun, irgendwelche klugen Sprüche rauszuhauen was Gott angeht. Es geht eher darum, eine Seele zu stützen, wenn sie alleine nicht klar kommt. Und dafür reicht oft schon ein offenes Ohr.

Das war er also, mein CUT. An diesem Tag hatte ich nicht nur diese OP. Es war auch der endgültige Einschnitt, der mein „altes“ Leben beendet hat. Von da an war ich mittendrin statt nur dabei im Krebsgeschäfft. Der Startschuss meiner Therapie. Jap Krebs, Runde 1 ging an mich. Let’s get ready to rumble!

Den Körperschmuck nach Anglerart trage ich übrigens nicht mehr 😀 Aber vielleicht wäre das ja mal noch ne Idee für alle, de auf etwas ausgefallenere Körperkunst stehen 😀

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4 Kommentare zu “Ein Goldfisch an der Leine

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